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Clean Core in SAP S/4HANA

Warum der Erfolg lange vor dem Projektstart entschieden wird

"Clean Core" hat sich zu einem zentralen Leitbild in der SAP-Strategie vieler Unternehmen entwickelt. Das Ziel ist klar definiert: Ein ERP-System, das flexibel bleibt, Innovationen aus der Cloud effizient integriert und langfristig wartbar ist, ohne durch historischen Custom Code blockiert zu werden. Es geht darum, die Stabilität des Kernsystems mit der Agilität moderner Anforderungen in Einklang zu bringen.


Um dieses Ziel zu erreichen, reicht es jedoch nicht aus, das Konzept erst während der Migrationsphase technisch umzusetzen. Ein sauberer Kern ist das Resultat einer vorausschauenden Planung und strategischer Entscheidungen, die bereits im Vorfeld getroffen werden müssen. Wer den Fokus frühzeitig auf die richtigen vorbereitenden Maßnahmen legt, schafft das Fundament für eine erfolgreiche Transformation und vermeidet Komplexität im späteren Projektverlauf.


Hier ist ein Überblick, welche Hausaufgaben erledigt sein sollten, bevor das eigentliche S/4HANA-Projekt startet.


1. Der kulturelle Wandel: Governance vor Technik


Die größte Herausforderung für einen Clean Core ist oft nicht die Technologie, sondern das Mindset. In der Vergangenheit war die Antwort der IT auf Fachbereichsanforderungen häufig die direkte Programmierung im System. Das Ergebnis sind monolithische Landschaften, die schwer zu warten sind.


Die Vorbereitung:
Bevor das Projekt startet, sollte ein "Clean Core Governance Board" etabliert werden. Es braucht klare Regeln ("Golden Rules"), wann und wie vom Standard abgewichen werden darf. Das gesamte Team – IT und Fachbereich – muss auf das "Fit-to-Standard"-Prinzip ausgerichtet werden.

  • Die Kernfrage: Bietet diese Erweiterung einen echten, messbaren Wettbewerbsvorteil? Wenn nein, nutzen wir den Standard.

 

2. Die technische Bestandsaufnahme: Wissen, was weg kann


Effizientes Aufräumen setzt voraus, dass man den Bestand kennt. Viele Unternehmen führen Tausende Zeilen von Z-Code mit sich, die teilweise seit Jahren nicht mehr aktiv genutzt werden.


Die Vorbereitung:
Nutzen Sie Tools wie das Custom Code Lifecycle Management (CCLM) oder den ABAP Test Cockpit (ATC), um Ihren aktuellen Code zu analysieren.

  • Dead Code Elimination: Identifizieren Sie ungenutzten Code und bereinigen Sie diesen vor der Migration.
  • Readiness Check: Prüfen Sie frühzeitig, welche Ihrer geschäftskritischen Erweiterungen mit S/4HANA inkompatibel sind. Dies ermöglicht eine rechtzeitige Planung von Alternativen.


3. Die Architektur-Planung: Das 3-Tier-Modell


Früher wurde der Großteil der Entwicklungen direkt im Systemkern vorgenommen. Für einen Clean Core ist es entscheidend, Erweiterungen an den richtigen Ort zu legen. Diese Architektur muss definiert sein, bevor die Entwickler mit der Arbeit beginnen.


Die Vorbereitung:
Definieren Sie ein klares Schichtenmodell für Erweiterungen:

  • Tier 1 (On-Stack Key User): Einfache Anpassungen (Felder, UI) direkt im System mit Low-Code-Tools.
  • Tier 2 (On-Stack Developer): Komplexe Logik, die eng mit Daten verknüpft ist, aber über strikte APIs entkoppelt wird (Embedded Steampunk).
  • Tier 3 (Side-by-Side): Ein wesentlicher Baustein. Mobile Apps, externe Integrationen und umfangreiche Zusatzentwicklungen gehören auf die SAP Business Technology Platform (BTP). Die BTP-Umgebung sollte lizenziert und eingerichtet sein, bevor das Projekt beginnt.

 

4. Daten und Integration: Aufräumen der Schnittstellen


Ein sauberer Kern entfaltet sein volles Potenzial nur, wenn er mit validen Daten arbeitet und über moderne Schnittstellen kommuniziert. Veraltete Integrationsmethoden (direkte Datenbankzugriffe, ungesicherte File-Uploads) gefährden die Stabilität.

Die Vorbereitung:

  • Data Cleansing: Bereinigen Sie Stammdaten bereits im Altsystem. Eine hohe Datenqualität reduziert die Notwendigkeit für komplexe "Workaround-Codes" im neuen System.
  • API-First Strategie: Setzen Sie auf standardisierte Schnittstellen statt auf Punkt-zu-Punkt-Verbindungen. Prüfen Sie im SAP Business Accelerator Hub verfügbare Standard-APIs (OData, SOAP) und planen Sie den Einsatz einer Middleware (z.B. SAP Integration Suite).

 

5. Skill-Gap-Analyse: Das Team befähigen


Clean Core erfordert den Einsatz neuer Technologien und Methoden. Das klassische ABAP-Wissen (SE80, Dynpro) ist weiterhin wertvoll, reicht aber für eine moderne S/4HANA-Architektur allein oft nicht mehr aus.


Die Vorbereitung:
Analysieren Sie die Fähigkeiten Ihres Entwicklerteams und Ihrer Berater. Investieren Sie frühzeitig in Schulungen zu:

  • ABAP RESTful Application Programming Model (RAP)
  • SAP BTP Services & Cloud Connector
  • Eclipse als Entwicklungsumgebung


Fazit


Eine Clean Core Strategie ist kein einmaliges Projekt, sondern eine dauerhafte Disziplin. Eine sorgfältige Vorbereitung stellt sicher, dass Sie nicht die "technischen Schulden" der Vergangenheit in die Zukunft verschieben, sondern eine echte Modernisierung erreichen.


Die Investition in diese fünf Vorbereitungsmaßnahmen – von der Governance bis zum Skill-Aufbau – legt den Grundstein für ein zukunftsfähiges, agiles ERP-System. Dieser Aufwand zahlt sich spätestens beim ersten Upgrade und bei der schnellen Adaption neuer Innovationen aus.

René Ott | Geschäftsführer
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